03 — Bürgerkrieg in Bizerte – 12.01. bis 21.01.2011

Mittwoch, 12.01.2011Heute rausgekrant worden – natürlich im strömenden Regen. Wenn wir mit dem Losfahren am Steg auch extra noch die dicke Regenwolke mit dem Schauer abgewartet haben,  nach der der Himmel hell war – wie konnte es anders sein – kaum ist das Schiff im Dock und wir von Bord,  prasselt es in Strömen los.

Der Kraner ist superfreundlich und serviceorientiert.  Er will seine Sache gutmachen,  hat Angst unser Echolot zu treffen und fragt immer wieder,  wie er die Gurte ansetzen soll,  ob es uns so auch recht ist.

Während des Abblockens wollen wir einen Cafe trinken gehen und betreten eine der ausschliesslich mit Männern voll besetzten Hafenkneipen.  Schöne Kuchenstückchen sowie Milchkaffee kosten jeweils 1/2 TND – (nicht mal 30 Cent).  Wir freuen uns und ordern beides – Dieter gleich zwei Stückchen – und der Wirt bedeutet uns zu folgen,  stellt uns einen Tisch zurecht,  im allerhintersten Eck des abgetrennten Nebenraumes.  Etwas pikiert schauen wir uns an,  haben irgendwie das Gefühl zu stören..

Wir lernen Ricardo kennen,  einen Italiener,  der zu Dieter’s Freude spanisch spricht und seine Segelyacht hier komplett sarniert.  Ein schöner Holzkutter von 1975.  Ricardo nennt uns ein Programm,  mit dem wir das Internet incognito anwählen können.  Der Download funktioniert zum Glück,  und endlich können wir wieder alle Sites,  uneingeschränkt,  ansehen.  Am interessantesten im Moment natürlich die der Studentenbewegung und Youtube.

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Bürgerkrieg (12.01.)

Von den Revolten im Süden haben wir zwar gehört,  aber bis heute nichts mitbekommen.  Tunesien brennt,  schreiben die deutschen Zeitungen,  was wir mit Verwunderung lesen.  Die Studenten sind gut gelehrt und bekommen keine Arbeit.  Die einfachen Arbeiter,  so erzählt mir der Korallencaptain,  verdienen 12-15 Dinar am Tag – da kann man nichtmal mehr für sterben.  Aber für Brot reicht es ja,  Brot ist ja billig genug.  Und sie arbeiten halt ihr Leben lang.  So will es der President.  Er will keine Zugeständnisse machen;  ihr habt Arbeit und Brot,  so sagt der.  Die Studenten revoltieren.  Die Polizei schreitet mit Waffengewalt ein.  2  Studenten sind gestern getötet worden.  Der Präsident hat deshalb heute den Polizei- /Innenminister seines Amtes enthoben,  erfahren wir.  Ein anderer erzählt uns,  ein Hauptproblem ist der Mehl-Import,  die Brotpreise steigen enorm.

Nachdem EMELY sicher abgeblockt ist,  wollen wir nach Bizerte rein,  einen Abwasserschlauch kaufen.

Das Schicksal will,  dass wir kein Taxi finden und erst ein Stück zu Fuß gehen.  Auf halber Strecke hält dann doch ein Taxi stadtauswärts  (kein Problem umzudrehen,  wegen der häufigen Kreisel).  Der Fahrer weigert sich,  als wir in die Stadt wollen und heisst uns vor der geöffneten Klappbrücke aussteigen.  Auf dem Weg über die Brücke kommen uns immer mehr Gruppen von jungen Leuten entgegen – irgendetwas ist seltsam.  Wir treffen den Block-Mann,  der meint,  es gebe Krawalle in der Innenstadt,  wir sollen runter an den Fluss gehen,  dort fänden wir auch eine Ferreterie  (Heimwerkermarkt/Eisenwarenhandlung).

Die gewählte Strasse ist leer,  etwas unheimlich;  vor uns noch ein Pärchen,  die Koffer tragen und wohl nicht von hier sind.  Ein beissender Geruch liegt in der Luft,  der sich langsam der Schleimhäute bemächtigt,  die Augen fangen an zu brennen.  Dieter kennt es:  Tränengas,  das aus dem nahen Stadtzentrum herueberweht.  Wir bleiben in der untersten Strasse,  gehen zum Fluss hinüber,  wo die Luft besser ist.  Von dort aus sehen wir in eine Strasse,  die in die Stadt führt – jede Menge Gruppen von Studenten stehen zusammen.  Von weitem sehen wir,  wie die Polizisten vor der Wache das Gitter schließen und sich dahinter zurückziehen.  Eine halbe Stunde später ist die Situation noch immer unverändert,  eine dichte Rauchwolke zieht weiter weg in halber Höhe durch die Stadt.  Wir nehmen das nächste Taxi und fahren zurück nach Zarzouna.  Weiter weg ein Militärlaster.  Das Taxi kommt.  Auf dem Rückweg an einem anderen staatlichen Gebäude Militärposten mit Maschinengewehr im Anschlag!  Der Taxifahrer singt ein Klagelied auf die schlechten Lebensbedingungen und die schlimme Führung.

Wir sind dann doch etwas erleichtert, als wir im Hafen ankommen, obwohl ich gerne noch etwas tiefer reingeblickt hätte.

Die deutsche Welle bringt später, dass die Ausschreitungen in Tunis mit Militär niedergeschlagen wurden und für die Stadt eine Ausgangssperre verhängt wurde.

Donnerstag, 13.01.2011

Gestern abend schon habe ich beschlossen, heute morgen recht früh nach Bizerte rein zum Einkaufen zu gehen – es muss wohl innere Eingebung gewesen sein, dass ich heute morgen auch halbwegs zeitig wach war und zügig losging. Vor dem Boot treffe ich Ricardo, der meint, ich solle vorsichtig sein, sie hätten gestern die Vitrinen des Monoprix-Supermarktes zerschlagen; es sei aber noch ungefährlich. Er bittet mich, ihm eine Orange-Telefonkarte mitzubringen.

Ich trete durch das Tor, das den Hafen eingrenzt. Alles ist plötzlich anders: Militärposten am Ausgang. Auf dem kurzen Weg zum Kreisverkehr der Durchgangsstrasse jede Menge junge Leute, eigentlich nur Männer, die in Gruppen zusammenstehen; die Strasse verschmutzt mit Kartons, Glasscherben, Mülltüten. Der Laden direkt vor dem Hafeneingang, ist ausgebrannt, brennt noch immer. Am Kreisverkehr mehrere schwere Militärlaster. Vor dem Bigros-Supermarkt gegenüber eine dichte Menschenmenge, da kommt man garnicht mehr rein. Ich suche ein Taxi, muss eine Weile warten. ‚Zur Post‘ sage ich; der Fahrer will es versuchen, weiß nicht, ob die Einfahrt nach Bizerte möglich ist. Stadteinwärts nur wenige Autos, während auf der Gegenfahrbahn eine dichte Schlange die Stadt verläßt. Auf der Strassenseite fast eine durchgehende Schlange vorwiegend aus Frauen, oft verschleiert, vollbepackt mit Einkaufstüten, einige sogar mit kleinen Schubkarren und Handwagen – der Ansturm auf die Geschäfte hat bereits begonnen, wird mir erschreckt bewußt. Überall, alle 100 M Militärposten mit Gewehr im Anschlag.

Der Taxifahrer sagt, da ist die Post; ich bitte anzuhalten, er zögert wegen der zahlreichen Militärposte, die das Postamt im Abstand von je 5m sichern. Hält trotzdem, ich gebe dem Posten Zeichen, dass es wegen mir ist. Als ich in das Postamt will, sehe ich erst, dass die Türen vergittert sind – ‚geschlossen‘ – durchfährt mich. Bevor ich einkaufen kann, muss ich erst Geld wechseln, mir ist garnicht wohl dabei. Da sehe ich, dass der Nebeneingang einen Spalt geöffnet ist, einzeln werden die Leute eingelassen. Diesmal zum Glück keine Schlange vor dem Wechselschalter. Ich telefoniere in einer Ecke rasch mit Dieter, dass ich gut angekommen bin. Fühle mich von zwei Jungs beobachtet. Einer der beiden steht neben mir am Schalter. (Diskretionszonen vor dem Schalter gibt es in Tunesien wohl nirgendwo). Ich gebe das Geld rein, die Dame hinter dem Schalter fragt wieder ‚wieviel ist es‘, ich bedeute nur stillschweigend zählen. Sie sagt total laut „245 EUR“ (ein Haufen für arme Leute); ich verdrehe die Augen, sage nur ‚wechseln bitte‘. Der Junge kommt zu mir rüber, spricht ein wenig deutsch. Ob ich ihm einen Gefallen tun könne, bittet er und hält mir sein Handy hin – ich sage, das hängt davon ab, was es ist. Er sagt, er wolle Geld auf das Konto seiner Schwester in Belgien einzahlen, hält mir eine Nummer hin, dies sei das Konto; hält mir 100 EUR hin – hier ist das Geld, er dürfe es nicht, weil er Tunesier sei. Aber ich sei doch Europäerin, ich könnte es meinerseits versuchen, bittet er mich. Ich überlege noch, während die Schalterbeamtin mir das Geld übergibt; ein dicker Stapel von 10-Dinar-Noten, den ich ohne nachzuzählen schnell in die Hosentasche stopfe. Sage dann ‚ok‘ und frage die Beamtin. Der Junge bleibt neben mir – die Beamtin sieht ihn und verneint noch einmal. Der Junge bedankt sich und verlässt das Postamt. Ich grüble noch etwas nach, will noch kurz warten, gehe auf die andere Seite des Raumes rüber. Ein Fenster ist eingeschlagen, davor eine Militärwache. Vorsichtig ziehe ich meinen Fotoapparat hervor, filme einfach mal.

Vom Postamt will ich Richtung Markt. Die Strassen zum Zentrum sind mit Strassensperren aus Roll-Stacheldraht (S-Draht) für Autos gesperrt. Nur vereinzelt fahren noch Autos, die Leute sind zu Scharen auf der Strasse, natürlich alle schwarz gekleidet, oft mit Kaputzen; alle Läden sind geschlossen, vergittert oder die Rolltore runter, die Strassenränder von Mülltüten, Obstkisten, Kartons, Glasscherben gesäumt – gruselig; unnatürlich still, der Autolärm und das quirlige Leben fehlen. Weiter hinten auf der Hauptstrasse, wo Planetcafe und Monoprix sind, dichter schwarzer Rauch und eine dichte Menschenmenge. Ich beschliesse etwas näher ran zu gehen. Eine Tunesierin geht neben mir, sie sagt, sie kann nicht zur Arbeit, alles geschlossen. Mit einem Blick auf meine kleine Kamera, die ich halb verdeckt in der Jackentasche halte, meint sie, ich soll meine Sachen nicht zeigen, aufpassen, dass man mir nichts wegnimmt. Ich sehe eine ausgebrannte Boutique – weiter hinten qualmt es, wohl vom brennenden Monoprix. Nachdem ich aus einer Hausnische rasch ein wenig gefilmt habe, drehe ich um. Stosse auf einen noch offenen Kiosk, ein offenes Fenster in der Hauswand mit einem Schild ‚Orange‘ und einer kleinen Menschenmenge davor. Ich stelle mich dazu. So langsam werde ich gewahr, um was es hier geht – die Leute wollen ein paar letzte Lebensmittel, eine Tomatendose, einen Laib Brot. Zigaretten gibt es bereits keine mehr. Arme mit Geld strecken sich dem Verkäufer rein, der will irgendwie nicht mehr wirklich, ein Mann von draußen zieht das Rolltor immer weiter nach unten. Das Fenster ist nun nur noch zur Hälfte offen. Eine Tunesierin vor mir hält ebenfalls Geld hinein, ich schiebe sie weiter vor das Fenster. Sie fragt, was ich möchte. Ich sage zwei Orange-Telefonkarten. Sie fragt auf arabisch. Telefonkarten gibt es schon lange keine mehr. Mir wird klar, dass alles bald geschlossen sein wird. Die kleinen Läden sind bereits alle zu. Ich marschiere Richtung Markt. Die 100e Meter langen Stände mit Klamotten, Schuhen und Hausrat sind bereits abgebaut oder waren garnicht da. Dafür ist der Gemüsemarkt irgendwie dreimal so gross wie zuvor. Ich betrete die Markthalle. Hier ist alles wie gewohnt, keine Jugendlichen, nur Bauern und einkaufende Leute, vermehrt Frauen. Ich stöbere durch die Markthalle, das reichhaltige Obst- und Gemüseangebot ist jetzt, gegen 11:00 Uhr, noch gut zu 1/3tel vorhanden. So langsam werde ich ruhiger, konzentriere mich auf die Sachen, die ich kaufen will und die Preise. Kleingeld habe ich im Geldbeutel. Ich bekomme alles, was ich möchte: Zwei Blumenkohl, 1/2 Weißkohl mit 2 kleinen scharfen Zucchini, 3kg Kartoffeln, Karotten, Tomaten, Äpfel, Clementinen; einen Zweig mit Lorbeerblättern und 2 Dillstengel gibt’s umsonst – die werden im großen Bund verkauft.. Nur richtige Zwiebeln gibt es nirgendwo – dafür sei keine Zeit jetzt, statt dessen Silberzwiebeln und Kohlrabi. So gerade erwische ich noch die letzten drei Salatgurken – die sind rar und teuer – 2,5 Dinar/kg (1,25 EUR). Karotten, Kartoffeln, Zwiebeln und Kohlrabi kosten gerade mal 400 bis 700 Millimes pro kg, Blumenkohl 800 Millimes/Stück (40 Cent). An einem Stand entdecke ich sogar Erdbeeren. Erfreut frage ich, was sie kosten – 3 TND, 1,60 EUR. Ich nehme ein Schälchen. Neben mir eine Frau in einer weißen Burga, sieht die Erdbeeren auch, ohhh, ihr Blick wird begehrlich. „Madame, bitte, kaufen Sie mir welche?“, fragt sie, „Bitte, bitte.“ Immer wieder. Aber irgendwie nicht bettelnd, sondern, als ob sie soetwas sonst nicht macht. Ich sehe ihren flehenden Blick. Ich gebe ihr einen Dinar – sie sagt, „mehr“, möchte 3 Dinar. Sie will die 3 Dinar wirklich nicht als Geld haben, sie möchte einfach nur die Erdbeeren. „Du bist doch reiche Frau“, sagt sie, „bitte, bitte“. Gibt mir den Dinar wieder und ich kann nicht anders, ich ordere noch ein Körbchen, für sie, sage ihr aber auch, dass das wirklich teuer ist, auch für mich. Überglücklich verstaut sie das kostbare Gut vorsichtig unter ihrem Umhang, bedankt sich zigmal und wünscht mir Allah’s Schutz.

Inzwischen ist es 12:00 Uhr, die Markthalle leert sich, die Händler packen zusammen. Schnell noch ein bischen Hackfleisch und Huhn – Fleisch ist nicht wirklich so günstig. Schwer bepackt marschiere ich aus der Markthalle. Jetzt ein Taxi, so schnell wie möglich. Da vorne war eines, leider zu weit weg, hoffentlich gibt es überhaupt noch ein freies. Der Platz am Innenufer ist zu wenig befahren, ich muss schwer bepackt zur nächsten Durchgangsstrasse, die am Strand vorbeiführt. Nach 5 Minuten intensivem Wünschens eines leeren Taxis kommt tatsächlich eines. Ich frage den Fahrer, ob er irgendein offenes Geschäft mit Orange-Telefonkarten weiss – nein, er hat das gleiche Problem, will seine Karte auch aufladen. Wir halten an einem offenen Laden vor der Brücke, nein, keine Orange-Karten mehr. Aber Tunisiana für Dieter kaufe ich und der Taxifahrer stoppt sogar die Uhr für den Einkauf.

In den Hafen reinfahren geht nicht mehr, die Strasse ist mit Stacheldraht komplett zu. Der Fahrer hält am Kreisverkehr, die Militärposten wollen, dass er weiterfährt, verstehen wohl nicht, was ich hier will. Ich gebe ein gutes Trinkgeld, bedanke mich vielmals und krame meine Tüten zusammen. „Ich bin Ausländerin, ich wohne auf dem Boot da drinnen“ , rufe ich dem Soldaten zu, der nicht gerade begeistert schaut, als ich mich nicht davon abhalten lasse, auszusteigen. Ich marschiere entschlossen zum Eingang hinüber, nicht ohne zwischendurch nochmal eine rasche Filmaufnahme zu riskieren.

Am Eingang treffe ich den Kranmann, der sich unseres fürstlichen Geschenkes inzwischen durchaus wohl bewußt ist. Freund. „C’est la guèrre, maintenant“, sagt er, rät, heute nachmittag hier im Hafen zu bleiben – klar, was anderes haben wir auch garnicht vor. Er arbeitet nicht, keiner arbeitet mehr im Hafen. Die Leute stehen herum, es ist Streik. Ob er morgen da ist, frage ich. Er bejaht. Ich deute an, falls wir ins Wasser wollen… Er bietet sofort an, wenn etwas passiert, wenn wir gekrant werden wollen, sollen wir nur anrufen, er kommt sofort und krant uns wieder rein. Wir tauschen Handynummern. Ein gutes Gefühl.

Der Laden im Hafen schließt gerade, er hat kein Brot und keine Eier mehr – Schicksal.

Ich berichte Dieter, der die Sache irgendwie noch nicht so schlimm sieht. Auf jeden Fall macht er sich gleich dran, das Echolot auszubauen, die Hauptsache, wegen der wir aus dem Wasser raus sind.

Hier im Hafen ist es am Nachmittag und Abend ruhig. Wir schauen mit dem Fernrohr, die Militärs sind immer noch präsent. Gegen 22:00 Uhr verziehen sich die letzten herumstehenden Männer, der Hafen scheint ausgestorben, und auch auf der Strasse bewegt sich nichts mehr, soweit wir sehen können. Ausgangssperre. Wir stehen im Cockpit und schauen mit dem Fernglas nach draußen zum Kreisverkehr, wo wir einige Militärs ausmachen. Auch am Hafeneingang steht ein Wachposten.

Der helle Strahler, den Dieter mit Bewegungsmelder und Richtung auf die Leiter zunächst installiert hatte, schaltet er wieder aus; zuviel Aufsehen, meint er. Statt dessen hängt ein langer Fender über der Leiter, sehr schwierig, da rüber zu kommen. Ausserdem können wir von drinnen volle Decksbeleuchtung einschalten und wenn wir dann noch mit der lauten Hupe ein SOS von uns geben, steht das Militär mit Sicherheit sofort da. Natürlich sind alle Luken von innen verriegelt, so leicht kommt niemand rein.

Die Halle worin der Laden war, brennt immer noch, mit hellem Feuerschein aus einem der Fenster. Über der Stadt hängt eine Dunstwolke aus Rauch, der langsam gen Süden zieht. Auch vor dem Hafeneingang die Dunstwolke, von dem brennenden Haus. Hoffentlich dreht der Wind nicht in unsere Richtung.

Da kommt ein Mann zu uns ans Schiff und bietet uns Wein zu kaufen an – 12 Flaschen guten, tunesischen Weisswein, sagt er. Er will 4 Dinar. Wir einigen uns auf 3,– pro Flasche. Er bekommt eine Tüte von uns und holt schnell vom Nachbarboot weiter vorne eine Ladung Flaschen. Im Dunkeln, innerhalb von 5 Minuten, ist der Deal erledigt, er verschwindet.

Wir probieren den Wein – ein wirklich guter Sauvignon, der auf Mallorca sicher 10-12 EUR kostet. Der Kauf hat sich gelohnt. Wir sind grade noch beim leisen Verstauen der klappernden Flaschen; plötzlich zwei Männer unten am Schiff. Sie schnappen sich eine herumliegende Leiter; wir linsen durch’s Fenster – was wollen die – sie stellen sie am Nachbarboot auf – dem Motorboot der Garde National. Der, der hochklettert, geht sehr zielstrebig rein, scheint sich auszukennen. Es sind die beiden Polizisten des Bootes. Wir stehen zwischen den zum Schlitz geöffneten Gardinen im Dunkeln und beobachten erstaunt, was dann kommt: sehen den Mann mit einem Farbtöpfchen und Rolle. Er knallt das Töpfchen aufs Deck, Rolle hinein und – wusch wusch, zwei drei Striche vorne drüber; ohne auf’s Gekleckse zu achten, übermalt er den Schriftzug der Polizei. Ebenso schnell und leise wie sie gekommen sind, verschwinden die beiden wieder vom Hafengelände.

Freitag, 14.01.2011

Will nach Brot und Eiern schauen. Treffe Abdil Kalip, den Blockmann, als ich vom Boot steige; hallo, wie geht es? In Bizerte ist viel kaputt gegangen, jetzt werden die Strassen gereinigt, es ist alles ruhig, sagt er. Er ist ganz besorgt, er konnte nicht schlafen, aus Sorge um die Boote hier im Hafen. Der andere Segler hoch und trocken ist auch deutsch, dann drüben die Katamarane – es sei seine Pflicht, auf die Boote zu achten. Er zeigt mir einen zweiten Laden, der noch Eier und Brot hat – 3 Eier legt der Junge für seine Mutter zurück, dann bekomme ich die letzten 9. Vorsichtig trage ich sie zum Boot, komme mir fast schäbig vor, wir hatten ja auch noch ein paar Eier da..

Dann bezahle ich den Strom. Der Beamte füllt seinen Notizblock auf der Strasse aus – diesmal nur 3 DIN pro Tag, bisher haben wir 5 bezahlt…

Dann Brot holen – Vor dem kleinen Laden steht nun ein Kleinlaster, zwei Männer laden Wasser, Limonade und H-Milch aus. Sofort dienert einer, Milch, Brot, Madame? Er drückt mir ein Brot in die Hand, so dass ich nicht nach mehr frage, und ich nehme noch drei Dosen Milch mit – wer weiß, wann es wieder welche gibt. Alle sind bestrebt, dass es uns gut geht…

Über’s Internet und von den Fischern erfahren wir abends, dass Ben Ali Zugeständnisse gemacht hat, Internetfreiheit und Senkung der Grundnahrungsmittel-Preise (Brot kostet doch blos 250 Millimes/ 15 Cent…)
Die Aufstände sollten damit wohl erledigt sein, es sollte Ruhe einkehren.

Es ist Ausgangssperre von 6:00 Uhr abends bis 7:00 Uhr morgens.
Die Fischer auf einem der kleineren Boote am Kai sind hoffnungslos besoffen… …
Wir sehen Videos. Dreimal am späten Abend hören wir Gewehrschüsse und Hundegebell, doch dann ist alles wieder still. Wir sind auch nicht sicher, Dieter meint, Gewehrschüsse müssten lauter sein…

Samstag, 15.01.2011

Wir haben ruhig geschlafen.

Das Radar auf dem Turm ist ausgeschaltet, wie Dieter etwas beunruhigt feststellt. Der Hafen und die Straße davor liegen wie ausgestorben, eine merkwürdige Stille.Niemand ist mehr unterwegs, keine Leute herumstehend, nur hin und wieder eine Katze – eine totale Geisterlandschaft.

Ich gehe wieder rasch in den kleinen Laden, Brot kaufen. Bekomme diesmal zwei, etwas kleinere Laibe, zum gleichen Preis wie zuvor. Habe dennoch wieder das Gefühl, total bevorzugt bedient zu werden.

Wir erfahren, dass Ben Ali gestern nachmittag nach Saudi Arabien geflüchtet ist. Der Innenminister ist wohl kommissarisch ernannt, aber nicht gerne gesehen. Im Internet ist die Rede dennoch von rivalisierenden Gruppen und Plünderern. Deutsche Touristen sitzen in den Hotels fest, der Flughafen war gestern wohl geschlossen.

Von der italienischen Firma haben wir drei tunesische Adressen genannt bekommen, um unsere Ersatzteile für die Heizung und den Warmwasserboiler zu ordern. Einer von ihnen hat auf meine email geantwortet und zeigt Lieferbereitschaft. Ich rufe ihn an, er ist am Cap Bon. Francois Meunier ist Franzose, der schon lange in Tunesien lebt. Wir kommen ins Gespräch. Er hat einen Bootsyard wo Motorboote gebaut werden. Den hat er letzte Nacht bewacht, nicht schlafen können, aus Angst vor Plünderei. Am Cap Bon war es bis gestern ruhig, erzählt er, erst heute Nacht gab es Kravall und Feuer auf den Strassen. Heute morgen dann kamen 5 Militärfahrzeuge in den kleinen Ort. Ich erzähle ihm von Bizerte, er schließt, dass wir in Zarzouna sind. Wie er die Lage einschätze, frage ich. Ob denn das Militär abziehen werde, weil ja nun keine Regierung mehr da ist. Er meint, Bizerte ist ein sehr sensibler Punkt, wegen der Ölraffinerien. Es wird deshalb immer viel Militär hier sein zur Verteidigung. Er rät, nicht der Polizei zu vertrauen, sondern nur dem Militär. (Klar, die Polizei ist bestechlich und wohl regimetreu. – Deshalb also die nächtliche Aktion auf dem Nachbarboot…)

Ich telefoniere mit Ibrahim, der mir erklärt, das Militär bleibe auf jeden Fall da, ziehe sich am Tage zurück, der Hafen sei jedoch in der Nacht bewacht, es sei Ausgangssperre von 18:00 Uhr bis 7:00 Uhr. Keine Angst, sagt er, es wird nichts passieren, wir sollen nur auf dem Boot bleiben.

Auch von den Männern im Hafen werden wir zur Vorsicht aufgerufen, wir sollen am Boot bleiben, sollen vorsichtig sein – der gute Rat von jedem, den ich treffe.

Polizisten in Uniform sehen wir seitdem keine mehr – sie sind, wenn überhaupt noch da, in Zivil, außer Dienst. Viele haben wohl Angst vor Ärger und haben den Hafen ganz verlassen. Auch APIP ist geschlossen, sowie das Pförtnerhäuschen.

Dieter bereitet eine Gehrungsschablone für das Schiffchen des Echolotes vor und findet sogar einen Arbeiter, der es ihm zusägt. Ich primere die freigeschliffenen Stellen am Rumpf.

Auf einem der Fischerboote am Kai sind zwei Männer schwertrunken und randalieren ein bischen, werden aber von den Kollegen zur Vernunft gerufen.

Dieter nimmt die deutsche Fahne ab – vielleicht besser? Ich glaube nicht.

Bevor es dunkel wird, nehme ich Kontakt zu den Militärposten vorne am Kreisverkehr auf – es ist unheimlich auf der Strasse aus dem Hafen raus. Sie stehen mit den Gewehren im Anschlag. Ich gehe mit offenen Armen auf sie zu, erkläre, wir sind eine deutsche Segelyacht, liegen da drinnen neben dem Travellift hoch und trocken, und wenn wir Notsignal geben und plötzlich nachts das ganze Deckslicht an ist… – sie versichern, sie kommen zur Hilfe. Ein gutes Gefühl; es beruhigt.

Draussen vor dem Hafen liegen 7 grosse Frachter, die alle auf ihre Entladung warten.

Abends sitzen wir mit Ricardo zusammen auf EMELY, es wird ein schöner, heiterer Abend, wir lachen viel. Der ausgebrannte Laden vor dem Hafen war ein Alkohol-Lager! Grinsend berichtet Ricardo, wie am Morgen nach dem Brand, ganz früh, von überall her die Fischer vorbei schlichen und ihre Kisten aus irgendwelchen Verstecken heimlich schnell wegschafften, viele nicht wirklich nüchtern. Sie sind den Alkohol ja garnicht gewöhnt und vertragen nicht viel…

Um 22:30 geht Ricardo; es ist besser, jetzt auf dem eigenen Boot an Bord zu sein. Wir haben den Bewegungsmelder an und gehen schlafen. Nach dem ruhigen Tag und dem schönen Abend ist die Anspannung jetzt weg.

Sonntag, 16.01.2011

Die Nacht war ruhig, wir haben ruhig geschlafen.
Wir stehen spät auf. Brot holen wir heute keines, der Laden ist eh zu. Da Radar ist immer noch aus, und es gibt keine Polizei mehr.

Im Internet steht, deutsche Touristen wurden gestern ausgeflogen. Die deutsche Botschaft hat eine Notfallnummer und ist rund um die Uhr besetzt. Es soll Gruppen geben, die durch die Strassen ziehen und plündern.

Beim Frühstück holt Dieter die Leuchtfeuerpistole und legt sie bereit. Wir besprechen die Möglichkeiten der Verteidigung von EMELY.

Gegen Mittag geht Dieter hinunter, um weiter zu schleifen.

Einer der grossen Tanker vor der Küste startet ein Hupkonzert – 6 oder 7x kurz, 1x lang, 5 oder 6 Folgen.

Um 14:00 Uhr längere Gewehrsalven, es klingt garnicht so weit weg, aber auf jeden Fall ausserhalb des Hafens. Immer wieder folgen daraufhin Schüsse, wohl in Zarzouna und Bizerte. Wir gewöhnen uns daran und arbeiten einfach weiter.

Gegen 14:30 kommen drei Hubschrauber in Gefechtsbereitschaft, wohl aus Tunis; vollbesetzt mit Militärs, mit Waffen im Anschlag in der offenen Luke; einer kreist über dem Hafen, und im Tiefflug über EMELY, nachdem ich versucht habe, ihn mit der kleinen Kamera aus dem Cockpit zu filmen. Schnell ziehe ich mich nach drinnen zurück. Die Hubschrauber fliegen Richtung Bizerte; ich bin oben, auf dem Deck, beim Entrosten, Dieter unten am Boot mit der Flex am arbeiten. Wir sind wirklich die einzigen im ganzen Hafen, die draußen sind und arbeiten. Plötzlich ruft der ‚Wein‘-Nachbar weiter vorne, wir sollen in’s Boot rein. Er zieht seine Leiter hoch, macht die Fenster dicht. Hinter dem Hafen, in Zarzouna, kämpfen die Anhänger des Regims gegen das Militär, ruft er mir zu – jetzt erst entdecken wir den Mann auf dem höheren Turm dahinter, der wohl schon die ganze Zeit Ausguck hält. Die Schüsse nehmen wieder zu, es wird zum Feuergefecht. Noch einmal kreisen die Hubschrauber. Ich traue mich nicht mehr die Kamera zu ziehen. Der Nachbar ruft: „Sie sind direkt hier hinter dem Hafen.“ Ich frage, ob er denkt, dass das Militär stark genug ist, um die Aufständischen niederzuschlagen – er versteht nicht wirklich, sagt: „Das Militär ist ganz tough, das sind brave Jungs. Wir Tunesier alle, sind sehr brav, alle gut, aber die Angehörigen der Regierung, die klauen, rauben…“ Plötzlich Rufe – „oh je, die Treibstofftanks…“ Am Kai rund im Hafen gibt es vier oder fünf einzeln stehende Tankstellenblöcke. Auf einen Schlag, innerhalb weniger Minuten, verlassen die meisten der Fischerboote den Hafen, fahren raus aufs Meer. Wir bekommen nun wirklich Angst, bleiben im Boot. Endlich, gegen 15:30 nochmals einige Schüsse, dann Ruhe. Ein Mann kommt zum Nachbarn, und die beiden rufen uns zu, dass es 7 Leute waren, die wohl in die Rafinerie reinwollten und jetzt aber alle tot sind, erschossen vom Militär…

Die Hubschrauber rücken ab; als der eine wieder dichter über den Hafen kommt, versuche ich nochmals eine Filmaufnahme, da die letzte wohl unscharf und verwackelt ist. Und dann kreist der Hubschrauber über dem Hafen, immer und immer wieder. Es scheint, er nimmt direkt Kurs auf EMELY – immer wieder kreist er tief, ca. 50 bis 70 Meter über uns, sicher 20-30 mal, eine halbe Stunde oder länger. Anfangs haben wir noch durchs Luk vorsichtig geschaut, nun ziehen wir uns komplett ins Boot zurück. Ich sage, das ist sicher wegen meiner Kamera, sie haben irgendetwas gesehen und kundschaften nun aus, wer wir sind. Sie werden doch wohl den Schiffnamen sehen und lesen, dass wir aus Hamburg kommen. Wenn wir im Boot bleiben, und alles ruhig bleibt, gehen sie vielleicht. Der Spuk geht weiter. Irgendwann kommen wir auf die Idee: Die deutsche Fahne ist wohl doch besser oben.. Dieter wartet, bis der Hubschrauber über’s Wasser rausfliegt und bringt schnell im Cockpit achtern die Flagge wieder hoch; da kommt der Heli auch schon wieder zurück, und Dieter macht, dass er ins Boot rein kommt. Und – Zufall oder nicht – der Heli überfliegt uns, dreht noch eine Runde zur Kontrolle – nochmals dicht über EMELY, und dann – endlich – verschwindet er, Richtung Tunis…

Wir bereiten das Echolot-Schiffchen im Boot mit Sikaflex vor und kleben es noch rasch in den Rumpf ein. Jetzt können wir wenigstens schnell wieder in’s Wasser.

Abends sitzen wir – erstmalig im Dunkeln – im Boot vor den Computern. Die Fender hängen über der Leiter, nützen aber im Ernstfall nicht viel. Den Bewegungsmelder mit Strahler will Dieter nicht einschalten, wir wollen uns ganz, ganz ruhig verhalten. Wir essen im Halbdunkel – die Hühnerschlegel trauen wir uns nicht zu braten wegen des Geruchs draußen – wirklich fehl am Platz. Später schaltet Dieter den Fernseher an, Star Wars, ganz leise. Ich tippe. Dann gegen 21:15 wieder zwei, drei einzelne Schüsse, doch diesmal von Strandseite! Hunde bellen. Ich linse mit dem Fernglas aus dem Cockpit – weiter hinten im Hafen eine Gruppe von Männern – keine Ahnung, ob Fischer oder Fremde…

Montag, 17.01.2011

In der Nacht wache ich mal auf und höre Geräusche unter dem Boot – Dieter schläft natürlich fest und ist sauer, als ich ihn leise wecke. Wahrscheinlich wohl nur eine Katze… Doch nun ist da schon ein bischen Angst…

APIP (die Hafenbehörde) ist wieder geöffnet.

Vereinzelt hört man am Vormittag noch Gewehrsalven aus der näheren Umgebung/ Zarzouna; gegen Mittag ist dann alles ruhig. Der kleine Laden im Hafen ist auch offen und hat sogar viele frische Eier, aber kein Brot. Ich bin immer wieder erstaunt über die Hilfsbereitschaft der Tunesier, einer der Männer fragt mich sogleich, ob er mir was bestellen soll – weil die Schlange so lang ist, will sich für mich vordrängeln – ich verneine. Alle sind höflich, verbindlich und korrekt.

Im Internet lese ich, dass gestern eine Gruppe Männer in einem Auto in Tunis gestellt wurde, das voll bestückt mit Gewehren war. Angeblich schwedische Touristen, die zur Jagd gehen wollten – wer glaubt denn so etwas…

Ricardo erklärt, der Präsident hatte eine eigene, private Polizei aus immerhin 6000 Mann (nicht die Garde Nationale). Diese Anhänger laufen nun zum Teil Amok als Heckenschützen und erschießen blindlinks irgendwelche Leute auf der Strasse, aus dem Hinterhalt – Terror, den sie den Studenten in die Schuhe schieben wollen. Das Militär versucht sie zu finden.

Wir stellen Othmen für Bootsarbeiten an. Er ist eigentlich Tauchinstructor und überwacht die Tauchgänge auf einem Korallenboot. Wir vereinbaren, dass er unseren Bugkorb entrostet und sonst Dieter mit einigen Arbeiten hilft. Er schläft auf dem Nachbarboot, zur Bewachung.
Er ist um 9:30 Uhr schon da und arbeitsgierig. Arbeitet kontinuierlich und versteht, wenn man erklärt. Die Arbeiten sind ganz ok. Um 17:00 ist Feierabend, wegen der Ausgangssperre. Er bekommt 20 TND (10 EUR) pro Tag! …

Nachmittags brate ich die Hühnerschlegel; Dieter meint dann, man riecht es im ganzen Hafen…

Abends – Dieter räumt gerade die Arbeitsgeräte ins Boot – noch vor 18:00, wieder Schüsse – erst fremde dumpfe, ganz nah, im Hafen oder direkt hinter der Mauer südlich, sodass er macht, dass er ins Boot reinkommt; ich fühle mehr, als ich es denke, dass dies ein Heckenschütze sein muss. Und da ist kein Militär-MG, das das Feuer erwidert, und wir haben auch den ganzen Tag keinen einzigen Militärposten vor dem Hafen gesehen. Ich rufe Ibrahim an, da seine Frau ja beim Militär ist. Er beruhigt mich, es sei mit Sicherheit Militär um den Hafen vorhanden. „Ja, aber nicht IM Hafen“, sage ich. „Bleibt einfach im Boot, ihr seid in KEINER Gefahr“, verspricht er fest.

Wir sitzen drinnen im Dunkeln, verhalten uns ruhig, trauen uns nicht mehr, den Kopf rauszustrecken. Endlich kommt ein Heli, und es fallen die schon bekannten MG-Salven der Militärs, jedoch in Zarzouna und im Westen von Bizerte. Wissen die denn nicht, dass hier bei uns auch geschossen wird? Dann nochmals ein, zwei dumpfe Schüsse in unmittelbarer Nähe; es scheint, sie kommen direkt vom Hafengelände. Ich rufe doch nochmal Ibrahim an. Er beruhigt mich, ist sicher, dass uns nichts passiert. In 3-4 Tagen ist alles vorbei, meint er, wir sollen uns nur ruhig verhalten. Wir essen die Hühnerbeine, schauen Video und lesen die neuesten Nachrichten im Internet. Um 21:00 geht das Internet plötzlich nicht mehr – trotz des Tools, das wir gegen die Zensur benutzen…

Dienstag, 18.01.2011

Heute ist im Hafen alles wieder ’normal‘: Das Radar läuft, und die Leute kommen zur Arbeit. Das Leben kehrt zurück, man hört Maschinen. Um 10:30 sind wieder Militär-Hubschrauber in der Luft, patrouillieren jedoch nur. Die Leute arbeiten ruhig weiter. Während des Vormittags nochmals ein einzelner Schuss, dann den ganzen Tag Ruhe.

Othmen, unser Arbeiter, erzählt uns, als er gestern Abend wie üblich in die Hafenkneipe wollte und vom Boot runterstieg, wurde er von zwei Männern in Zivil mit Waffe gestellt und musste die Hände heben und seinen Ausweis zeigen. Er kannte sie nicht, weiss nicht, wer es war und hatte wohl Angst.

Am Spätnachmittag 17:00 Uhr, noch vor der Ausgangssperre, fährt plötzlich ein Landrover vor und zwei Männer mit Maschinengewehren aber in Zivil stellen direkt unten am Boot zwei Jungs, führen diese mit erhobenen Händen zum Ausgang, zu den dort stehenden Polizisten der Garde National.

Ibrahim erkundigt sich telefonisch nach unserem Befinden. Erzählt, die wollten die Raffinerie einnehmen – doch ‚wir‘, die Militärs, haben sie gekriegt..

Unser ‚Weinmann‘ verkauft uns noch einen Kasten Bier: 24 0,3l-Flaschen für 30 Dinar – teuer!

Mittwoch, 19.01.2011

Der Betrieb im Hafen ist wieder der alte, alle möglichen Leute arbeiten an den Booten, alles wieder normal. Ich fahre mit dem Taxi nach Zarzouna und kaufe rasch Fleisch ein. Auf der Strasse nur noch wenige einzelne Militärposten. Die Polizei und Garde National sind wieder eingesetzt. Wir sprechen mit dem Kranmann, dem Blockmann, dem Weinmann, alle sagen, jetzt wird es ruhig.

Als ich am 21.01.  mit dem Taxi durch die Stadt fahre, stehen noch ein paar einzelne Militärposten hier und da, und ein paar Männer sind noch mit Stöcken bewaffnet. Einige Boutiquen sind ausgebrannt, bei den meisten der Geschäfte sind noch die Läden runter, ein paar haben ganz normal geöffnet. Die öffentlichen Gebäude, wie das Krankenhaus und Banken, sind alle scharf vom Militär abgeriegelt, doch schon am naechsten Tag sind die meisten Militärs weitgehend verschwunden. Der Taxifahrer erklärt uns, als er uns in eine Vorortgegend fährt, die ganze Revolution, das ging vorüber wie ein Film – kurz, schnell. Er bedauert, dass es momentan in den Strassen noch so schlimm aussieht, eigentlich sei Tunesien ein schöner Garten…

(Tagebuch-Auszug, nur für privaten Gebrauch – Copyright und sämtliche Rechte bei Antje R – Nachdruck nur mit Erlaubnis der Autorin.)

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