Verschollen auf Cabrera

Um einsames Insel-Feeling zu erleben, braucht man manchmal garnicht weit zu fahren – der Cabrera-Archipel (1318 ha Landfläche) ist ganze 10  Seemeilen vom äussersten Südosten Mallorcas entfernt; im Sommer gut besucht von Touristen, leben im Winter ganze 10 – 12 Personen auf der Hauptinsel. Bei einer Woche Sturm aus Nordost bleibt uns nur, hier abzuwettern und die Natur zu geniessen.

31.01.2012
Heute haben wir mit EMELY kurz entschlossen, nach Cabrera übergesetzt, da vor Mallorcas Südküste eine schöne Brise aus SW wehte.

Nachdem ich auf die Schnelle noch das notwendigste eingekauft hatte, um ca. 2 Wochen überleben zu könnenüber, stellten wir das Auto unter dem Turm des Hafens in Puerto Portals ab (sicherer geht’s wohl nicht mehr)  und wir verliessen um 1345 die dortige  Tankstelle, wo wir noch rasch unsere Wassertanks gefüllt hatten.

Direkt in der Hafenausfahrt noch setzten wir bereits das Gross und die Genua, dann noch rasch den Besan, und unter Vollzeug ging es zunächst mit über 7  Knoten gen Südost, Direktkurs Cabrera. Der Hafen wurde kleiner, Mallorca’s  ‚Fest’land wurde kleiner, als nach ca. 2 Stunden bereits Cabrera in Sicht war. Der Wind war inzwischen bis auf 30 Knoten angestiegen, und an Deck war es richtig kalt. Die Wellen wurden immer höher,  die Gischt schlug über das Deck, und wir hofften nur noch, Cabrera noch zu erreichen und nicht bei immer stärker werdendem Wind von querab mit diesem wieder zurück auf Mallorcas Südostküste ablaufen zu müssen. Inzwischen ‚flog‘ EMELY mit 10 Knoten dahin.

vor Cabrera

Schräglage



Die letzten zwei Meilen steuerte Dieter von Hand, um die inzwischen 3-4 Meter hohen Wellen etwas auszugleichen und besseren Direktkurs halten zu können; und wir erreichten bereits nach genau vier Stunden die Einfahrt zur Bucht auf der Hauptinsel. Direkt nach dem Eingang wurde es natürlich sofort ruhig, bis auf einige Fallwinde von den umgebenden Hügeln herab. Wir bargen die Segel und machten ziemlich weit innen an einer Mooring/Boje fest. Für die Strapazen der Überfahrt wurden wir mit einer schönen Abendsonne und fantastischem Abendrot rund um die Bucht belohnt.

sicher an der Mooring im Abendrot



01.02.12
Heute morgen schliefen wir erst einmal aus – Urlaubsstimmung kommt auf. Die tiefe und sichere Bucht ist fast völlig umgeben von Bergen und nur einer handvoll einzelnen Häusern, der Rangerstation. Circa 5 Autos parken am Ufer, aber keine lebende Seele zu sehen. Es scheint, als wenn wir die einzigen Menschen auf dieser Insel sind. Doch gestern abend bei der Einfahrt war da noch ein kleines Fischerboot mit zwei Männern.  Dies ist nun wirklich eine einsame Insel.

Cabrera-Station

die restlichen Häuser



Etwas später gehen wir an Land und melden uns in der Station an.  Der Beamte ist freundlich und zeigt uns die Wanderkarte. Wenn wir bis zum Leuchtturm rauswollen, müssen wir dies erlauben lassen. Wahrscheinlich, weil es Winter und kalt und früh dunkel ist.  Dann spazieren wir ein bischen um die Bucht. Wir stossen auf eine Kraftstation mit immerhin 360 Solarpaneelen. Ein Stück weiter die Wohnungen der Bediensteten, wir sollen den weiter unten gelegenen Weg nehmen, bedeuetet uns ein Arbeiter. Überall an den Nebenwegen steht sofort ein Schild mit einem durchgestrichenen Männchen, dass man hier nicht durchlaufen soll – klar, bei 380 Tausend Touristen im Sommer… Die wenigen Leute, die wir sehen, sind wortkark und schnell wieder verschwunden – ein Gespräch lässt sich nicht aufbauen. Wir entdecken noch eine typische Picknickstelle mit vielen langen Holztischen, überdacht für Schatten im Sommer. Dahinter gibt es zwei kleine Wege, die zu einigen kleineren Ruinen führen – Grabstätten, Fischproduktionsstätte, napoleonisches Gefängnis.

der kleine Hafen

EMELY noch an der Mooring

die ganze Bucht

alter Waschplatz und Brunnen

napoleonisches Gefängnis

die ersten Eidechsen sonnen sich bereits

Natur pur

Nach zwei Stunden haben wir die Bucht zu zweidrittel umrundet, da geht der Weg zum Leuchtturm ab, das ist weit. Wir finden noch ein kleines, eingezäuntes  Feld mit kleinen gelben Blümchen, die sie wohl schützen wollen. Für heute, den ersten Tag reicht es mit dem Walken.

..na, fast 🙂

Bucht



02.02.12
Die Nacht an der Mooring ist sehr unruhig, wir können nicht schlafen. EMELY schwankt, tanzt und ruckt kräftig an der Boje. Der für 3 Uhr erwartete Starkwind aus Nordost hat begonnen, und es ist in der tiefen Bucht inmitten der umgebenden Hügel doch nicht so ruhig und geschützt wie wir geglaubt haben. Die Boen der Fallwinde sind schon sehr heftig und wühlen jetzt schon das Wasser auf. Um 4 Uhr sitzen wir im Salon und gucken Wetter. Für die nächsten Tage wird Sturm vom Golf de Lion erwartet. Bis 10 Uhr soll es noch gemäßigt bleiben, dann wird es langsam immer stärker werden. Wenn, dann ist jetzt die richtige Zeit, um zurückzufahren. Wir entscheiden, mit dem ersten Tageslicht aufzubrechen. In einer guten Stunde können wir bei dem Wind drüben vor Mallorca unter der Küste sein, wo das Wasser noch etwas ruhiger sein sollte, nachmittags ist auch an der Südküste mit hoher See zu rechnen. Wir klaren alles sorgfältigst auf, legen auch Schwimmwesten und Gurtzeug bereit. Als ich um 7:00 nochmal den aktualisierten Wetterbericht ansehe und etwas genauer hinsehe, finde ich, dass bereits gestern schon hohe See vor Mallorcas Ost- und Südküste angesagt wurde. 4-5 Meter Welle muessen wir wohl jetzt schon erwarten, auf der Hinfahrt hatten wir schon bis 4 Meter. vielleicht kann es sogar mehr sein, denn schwerste See verheisst der Wetterbericht für heute. Wir schauen an Deck raus, es stürmt bereits heftig, und die Gischt schlägt schon die Felsen am Eingang der Bucht hoch. Dazu hat es angefangen zu regnen und ist frostig kalt. Wir zögern. Dann kommt von draussen ein Wassertaxi rein, eine Barkasse mit 2×200 PS. Wir winken den Skipper heran. Er kommt wirklich von Mallorca rüber und versichert uns, es sei noch ruhig, momentan nur ca. 2 Meter Welle.  Prima, freuen wir uns und verlassen fünf Minuten später die Bucht. Die See ist wie erwartet, die 2 Meter Welle stimmen, die 6 Bf Wind kommen jedoch nicht wie erwartet noch aus NNO, sondern jetzt schon direkt aus Nord, sodass uns der Kurs aufs Festland – auch wenn wir ihn ausdehnen würden in die Palmabucht hinüber, keine 35 Grad lässt, um Segel für hoch am Wind anzuschlagen. Mit Wind und Welle direkt gegenan stampft EMELY sich mit 2 Knoten fest, wir kommen nicht wirklich vorwärts; bis Palmanova würden wir so wohl über 15 Stunden bei eisiger Kälte, Regen und immer höher werdenden Wellen brauchen, wenn wir überhaupt ankommen würden. Zu allem Überfluss bricht nun auch bei Dieter die Erkältung durch. Also drehen wir um und nehmen eine der besser geschützten Bojen tiefer in der Bucht auf. Als wir – nach diesem morgendlichen Abenteuer – endlich die nassen Sachen ausgezogen haben und im Warmen sitzen, klopft es. Die Hafenwache bietet uns an, an den Kai zu liegen. Also wieder Klamotten an, und ein Anlegemanöver an der Kopfseite des Kais folgt. Hier liegen wir schon wesentlich ruhiger. Zufrieden verbringen wir den Rest des kalten Regentages im Bett mit Videos, unsere Grippe/ Erkältung auskurieren. Die nächsten Tage soll sogar Frost und Schnee kommen, nur gut, dass EMELY gut beheizt ist.03.02.12 Auch in dieser Nacht ruckt EMELY diesmal am Kai hin und her, wenn auch wesentlich weniger als an der Mooring. Dieter ist noch nicht zufrieden, möchte lieber an der Innenseite liegen, 90 Grad gedreht. Das Wasser scheint tief genug. Also starten wir ein Verholmanöver unter Motor, bei dem wir die Vorleine lang an Land lassen, das Schiff vom Kai wegdriftet und Dieter sich über die Achterleine langsam wieder heranzieht – harte Arbeit bei 40 Tonnen, Sturmböen und durch die Grippe geschwächt. Der Parkwächter kommt und hilft uns ein bisschen.  Nach zwei Stunden sind wir fertig und EMELY mit ihren 20 Metern liegt nun sauber an der Innenseite des kleinen Hafenbeckens. Nun sind alle Probleme wohl gelöst, wir liegen an ruhigster uns sicherster Stelle. Mit unseren ganzen Vorräten können wir hier gut und gerne ein bis zwei Wochen abwettern und überleben. Von dem Wächter habe ich erfahren, dass auf der ganzen Insel im Winter 10 – 12 Leute leben, das kleine Boot kommt ein- bis zweimal die Woche von Mallorca herüber, natürlich je nach Wind und Wellen. Im wahrsten Sinne eine einsame Insel.

sicher am Kai

keine Menschenseele…



04.02.12
Wir haben ruhig geschlafen und liegen sicher wie in Abrahams Schoss…
Dieter macht sich als erstes daran, die Heizung zu reparieren, die die letzten Tage vermehrt Aussetzer hatte. Der Dieselfilter ist zu und muss gewechselt werden. Doch danach wird trotzdem noch kein Diesel aus dem Tank angesaugt. Erst nach dem Durchblasen nach innen geht wohl ein Pfropfen raus, und der Kraftstoff fliesst. Und die Heizkörper werden wieder warm!

Dann ein paar Telefonate, Chris ruft an und meldet, dass es sogar unten am Strand von Cala Major geschneit hat.

Am frühen Nachmittag machen wir, durch die Erkältung noch sehr geschwächt, einen diesmal sehr kurzen Spaziergang zur Burg hoch. Wir wollen sehen, wie auf der anderen Seite das Wetter und die Wellen sind.

Minispaziergang mit Grippe

die kleine Burg – da wollen wir hin..



Schon während wir langsam den Berg hochsteigen, zieht es immer mehr dunkel zu, und als wir oben sind, rieseln tatsächlich die ersten, echten Schneeflocken!  Oben bläst der Nordwind kräftig und kalt, doch werden wir mit recht klarer Sicht auf Mallorca’s Südküste belohnt; selbst die niederen Berge im Hintergrund sind verschneit. Eine dunkle Regen- nein, Schneewolke zieht von dort nach Cabrera, heute nacht wird vielleicht noch mehr Schnee fallen.

die Polizeistation auf der Nordseite der Insel, mit Blick auf Mallorca’s flachere Südseite – sogar dort ist Schnee zu sehen       (der weisse Schweif rechts oberhalb)

EMELY von oben



Nach ein paar Fotos treten wir schnell wieder den Rückweg zum Schiff an und sind froh, als wir wieder in der Wärme sind. Während des Nachmittags kommt die Sonne noch ein paarmal hervor, die Farben der Bucht im Zwilicht Regen-Sonne sind unbeschreiblich.

Eben noch grau in grau…

warm eingemummelt wegen des Winds

… fünf Minuten später schon wieder blauer Himmel…

.. und schönstes Wetter.




05.02.12
Dieter bleibt heute mit seiner Grippe im Bett, und ich ziehe gegen Mittag alleine los, solange die Sonne noch scheint. Voller Tatendrang steuere ich diesmal das Inselinnere am Fusse der Bucht an – und finde weitere Sehenswürdigkeiten Cabreras.




Weit ist der Weg…

Das Museum ist leider geschlossen.

Von hier aus…

… bei genauem Hinsehen 🙂

Und weiter geht’s, stetig bergauf..

..nette Kleinigkeiten am Wegrand..

Vielleicht kann ich auf den Grat hoch und gen Südosten herunterschauen? Von hier aus sieht es eigentlich recht einfach aus…

…garnicht mehr weit und doch unerreichbar, durch dichtestes Dickicht (Macchia) und einen typischen original-mallorquinischen Steinwall.






Als ich zurück an Bord bin, zieht es zu und fängt an zu regnen. Heute hätten wir vielleicht noch rasch wieder nach Mallorca zurückfahren können, wenn wir es ernsthaft gewollt hätten, denn für die nächsten Tage ist schon wieder Sturm aus Nord angesagt. Doch Dieter mit seiner Grippe ist nicht wirklich reiseklar, und ausserdem haben wir genügend Proviant dabei, um noch einige Zeit hier zu überleben – und die natürliche Winterruhe hier zu geniessen…

06.02.12
Morgens noch ist alles ruhig, doch bereits gegen 11:00 Uhr fängt es an zu kacheln. 4-5 aus Nord ist für heute und die nächsten Tage angesagt. Ein paar recht heftige Windboen fegen über den Kai, als ich gegen Mittag von Bord steige. Den dreieinhalb-stündigen strammen Fussmarsch gestern ungewohnterweise, spüre ich nun heute doch etwas in den Beinen, als ich den Berg zur Burg hochsteige. Ich habe eine dicke Mütze an und bin gut eingemummelt, da der Nordwind eisige Kälte birgt. Doch in der Sonne den Hang hinauf ist es richtig frühlingshaft warm. Auch die Steine sind bereits warm wie im Mai, als ich einen Augenblick ausruhe. Der Starkwind hat sich etwas gelegt, und nur die letzten paar Meter auf dem Kamm und oben auf der Burg weht es kräftiger, und ich geniesse die Ruhe. Die winzig-enge Wendeltreppe der Burg kostet wieder ein bischen Überwindung, ist aber der einzige Aufstieg, und oben an höchster Stelle habe ich Rundumblick bis nach Mallorca’s Südostküste hinüber. Das Meer hat schon viele Schaumkronen aus NNW, sodass wir uns auch heute mit EMELY nur wieder festgestampft hätten, wären wir losgefahren.



















09.02.12
Die letzten beiden Tage waren regnerisch, und wir blieben im Warmen. Ich mit dem immer verzeifelnderen  Versuch, meine Fotos zur Website hoch zu laden – die Internetverbindung war zu schlecht – und Dieter mit Bronchitis. Wir sahen Videos und faulenzten bei dem schlechten Wetter einfach mal.

10.02.12
Die Arbeiter haben in den letzten beiden Tagen eine grössere Anzahl kleinerer Tanks mit Pickup auf die Mole geschafft und direkt neben EMELY abgestellt. Heute nun erklärten Sie, ein grösseres Boot käme, um die Tanks aufzuladen, sodass wir vom Kai weg müssten. Eigentlich wollte ich heute nochmal richtig ausgiebig loswandern; der Wetterbericht jedoch war einigermassen, vor allem aber war es sonnig, sodass wir um 10:45  ablegten und das Weite von Cabrera suchten…
Wind und Welle mit 5 Beaufort abnehmend gegenan, blieb uns nur, auf die Küste zuzuhalten. Unter Land war es dann wesentlich ruhiger, und gegen 17:00 Uhr erreichten wir den Hafen von Puerto Portals.
Für mich war es ein schöner, idyllischer Kurzurlaub. Dieter hingegen vermisste die Zivilisation: Eine Apotheke mit Halstabletten… Und hatte bei all dem Nordwind schon Bedenken, überhaupt noch von dieser einsamen Insel wieder entfliehen zu können… 🙂

Noch rasch in der Bucht die Leinen aufklaren, solange es noch so schön ruhig ist

Ausfahrt aus der Bucht..

Und wieder Geschaukel..

Cabrera verblasst in der Morgensonne.

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